35.1 Grundlagen und Annahmen

  35.1.1 Das Mundell-Fleming Modell

Im Kern des Mundell-Fleming Modells steht das Zahlungsbilanzgleichgewicht (BoP), d.h. die ex post Gleichheit, nach der jede internationale Gütertransaktion bezahlt werden muss. Dabei steht BoP für Balance of Payments. Wenn Waren oder Dienstleistungen ex- oder importiert werden, so wird dies in der Leistungsbilanz verbucht. Zahlungen werden in der Kapitalbilanz verbucht. Die Summe aus beiden nennt man Zahlungsbilanz und diese muss (abgesehen von Ausgleichsposten, s.u.) ausgeglichen sein, da jede Transaktion durch die beiden Seiten "Lieferung" und "Zahlung" (dies kann auch eine Schuld oder Kredit sein sein) verbucht werden.

Bei flexiblen Wechselkursen erfolgt der Ausgleich der Handelsbilanz gewissermaßen automatisch. Auf dem Devisenmarkt ist bei einem Handelsbilanzüberschuss das Angebot an ausländischer Währung größer als die Nachfrage. Die inländische Währung wertet auf. Mit dem Anstieg des Außenwertes der Inlandswährung werden inländische Waren im Ausland teurer. Die Exporte sinken, das inländische Wachstum wird beeinträchtigt. Gleichzeitig werden jedoch die Einfuhren günstiger. Rückläufige Einfuhrpreise wirken mäßigend auf die inländische Preissteigerungsrate und unterstützen damit die wirtschaftliche Entwicklung.

Die USA haben seit Anfang der neunziger Jahre ein beträchtliches Leistungsbilanzdefizit. Trotz flexibler Wechselkurse findet kein ausreichender Ausgleich über den Devisenmarkt statt. Entgegen der Lehrbuchweisheit hat der Dollar langfristig nicht abgewertet. Offensichtlich waren andere Einflussfaktoren auf den Wechselkurs bedeutsamer, womit jedoch bisher kein Ausgleich des Leistungsbilanzdefizits erfolgte.

Im Mundell-Fleming Modell wird der Zusammenhang von Wechselkurs und BoP Gleichgewicht über die Reaktionen des internationalen Kapitalmarktes und der realen Wettbewerbsfähigkeit eines Landes gesteuert. Dabei ist die REaktionsfähigkeit (Zinssemielastizität) der internationalen Anleger endlich, d.h. Zinsunterschiede führen zu begrenzten Kapitaltransfers. Der Wechselkurs passt sich nun so an, dass der Wert der Zuflüsse in ausländischer Währung multipliziert mit dem Wechselkurs dem Wert der Abflüsse entspricht. Exportüberschüsse stellen somit eine erhöhte Nachfrage nach der heimischen Währung dar und führen somit zu einem Aufwertungsdruck.

Leistungsbilanz, Kapitalbilanz, Zahlungsbilanz

Die Zahlungbilanz besteht aus vier Teilbilanzen, der Leistungsbilanz (LB), der Kapitalbilanz (KB), der Bilanz der Vermögensübertragungen (BV) 1 und dem statistischen Restpsten (sR). Im Rahmen des MF- Modells werden wir uns auf Leistungs- und Kapitalbilanz beschränken. Zum einen sind die beiden anderen Posten in der Regel relativ klein und zum anderen gehen wir davon aus, dass sie bezüglich der Dynamik des MF- Modells exogen sind, also einfach als Konstanten behandelt werden können. Da der statistische Restposten (auch Saldo der nicht erfassten Transaktionen) definiert wird als Ausgleichsposten gilt ex post immer die Identität:

LB + KB + BV + sR = 0

Dabei besteht die Leistungsbilanz2 aus der Handels- und der Dienstleistungsbilanz, welche alle Ex- und Importe von Waren und Dienstleistungen inkl. Zusatz und Transportkosten enthalten, aus der Erwerbs- und Vermögensbilanz (Primäreinkommen)3 und der Bilanz der laufenden Übertragungen (Sekundäreinkommen)4.

LB= Warenhandel Handelsbilanz+ Dienstleistungen Dienstleistungsbilanz+Primäreinkommen+Sekundäreinkommen

Die Kapitalbilanz misst die Zu- und Abflüsse von Zahlungen aus Exporten, Importen und Kapitaltransfers (i.d.R. zu Investitions- und Anlagezwecken im In- respektive Ausland) und die Devisenbestandsänderungen in der Devisenbilanz.

KB=Direktinvestitionen+Wertpapieranlagen+Finanzderivate+ÜbrigerKapitalverkehr+Währungsreserven

Für das Mundell-Fleming Modell werden wir uns innerhalb der Leistungsbilanz auf die Darstellung der Handels- und Dienstleistungsbilanz beschränken und die Kapitalbilanz zumeist nicht differenzieren, sondern nur den Gesamteffekt verwenden.

LB + KB = 0

Ein positiver Wert der Leistungsbilanz steht dabei für einen Exportüberschuß. Ein positiver Wert der Kapitalbilanz steht für einen Nettokapitalimport. Die obige Identität, welche im großen und ganzen, immer und unabhängig von jedem Modell gilt, zeigt eine besonders wichtige und oft ignorierte Tatsache sehr deutlich:

Jeder Export(überschuß) ist gleichbedeutend mit einem gleich großen (Netto)KapitalEXport.

Exportweltmeister zu sein, bedeutet also gleichzeitig, Weltmeister im Exportieren von Kapital zu sein. Dies lässt sich sehr einfach an einem Beispiel veranschaulichen:

  1. Ein Auto wird in die USA verkauft (=Warenexport)
  2. Die Bezahlung erfolgt in US$ auf ein Konto oder Bar. Diese entsprechen einer Forderung an die USA, sind also Kapital, dass D gehört, sich aber in den USA befindet. (=Kapitalexport)
  3. Um das Kapital wieder nach D zu bringen, muss entweder mit den $ etwas aus den USA gekauft werden (=Warenimport)oder die $ müssen umgetauscht werden in , also mit einer Forderung an D verrechnet werden, die aus einem früheren Import (US-Ware gegen ) stammt.

Politiker, die also in kurzen Abständen (teilweise sogar in einer Rede) die deutschen Exporte feiern und die Kapitalexporte verteufeln, zeigen also, dass sie entweder keine Ahnung haben, wovon sie reden, oder dass sie die Bürger täuschen wollen.

Leistungsbilanzungleichgewichte seit den 90ern

Mit Beginn der 90er Jahre entwickelten einzelne Länder große und persistente Leistungsbilanzungleichgewichte und diese Tendenz hat sich seit Ende der 90er Jahre noch verschärft. Während einige Länder dauerhaft Leistungsbilanzüberschüsse aufweisen, verzeichnen andere nahezu permanente Leistungsbilanzdefizite. Diese strukturellen und permanenten Handelsungleichgewichte werden ale eine der Ursachen für die globale Wirtschafts- und Finanzkrise wie auch die europäische Krise angesehen. Zwar weist die EU als Aggregat einen nahezu ausgeglichenen Außenhandel auf, jedoch bestehen innerhalb der Eu starke Ungleichgewichte. Deutschland exportierte in den letzten drei Jahren beispielsweise für jährlich 250 Mrd.  mehr Güter als es importierte. Um diese Ungleichgewichte zu begrenzen hat die EU deshalb die MIP (macroeconomic imbalance procedure) eingeführt, bei der die makroökonomischen Ungleichgewichte beobachtet und bewertet werden und die Staaten gegebenenfalls darauf hinwirken müssen, diese zu verringern. Außerhalb der Eurozone sind vor allem die USA mit bis zu 6% des BIP Leistungsbilanzdefizit und China und Japan mit permanenten hohen Überschüssen aufgefallen.

Leistungsbilanzungleichgewichte sind per se nicht schlecht. Entstehen sie auf freien Märkten, ohne von politischen oder exogenen Schocks induziert zu werden, so sind sie Resultat unterschiedlichen Spar-, Investitions- und Konsumpräferenzen zwischen Ländern. Sie werden allerdings zu einem Problem,

  1. wenn die ursächlichen Marktprozesse durch Politikmaßnahmen massiv verzerrt werden, beispielsweise bei Wechselkursmanipulationen oder einseitiger Exportförderung z. B. durch das Steuer- und Zollsystem, Subventionen oder Handelshemmnisse,
  2. wenn die Defizite dauerhaft sind, so dass die Gefahr einer Überschuldung droht.
  3. wenn Wettbewerbsunterschiede innerhalb einer Währungsunion nicht mehr ausgeglichen werden.

Insbesbesondere hier zeigt sich das Politikversagen innerhalb der EU. Auch nach Beginn der Währungsunion haben viele Länder agiert als hätten sie noch eigenständige Währungen als Ausgleichsinstrument. Während in Deutschland - vor allem aufgrund der Hartzgesetze die Lohnstückkosten um 6% sanken, stiegen sie in Griechenland um beinahe 10%. Somit stieg der relative Wettbewerbsvorteil für Deutschland um 15%, woraus ein Anwachsen des Leistungsbilanzüberschusses für Deutschland und -defizites für Griechenland resultierte. Da eine reale Abwertung innerhalb der Währungsunion nicht erfolgen kann, bleiben nur steigende Löhne in Deutschland oder sinkende in Griechenland um dieses strukturelle Problem zu lösen.

1Die Bilanz der Vermögensübertragungen umfasst i.W. Schenkungen wie beispielsweise Schuldenerlasse und Zahlungen aufgrund von immateriellen nicht produzierenden Gütern wie Lizenzrechten.

2s. Bundesbank: https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Dossier/Statistik/zahlungsbilanz.html?notFirst=true&docId;=172974

3Hierzu zählen v.a. grenzüberschreitende Erwerbseinkommen und Zins- und Dividendenzahlungen.

4Hierzu zählen vor allem Zahlungen des Staates an internationale Organisationen und die Entwicklungshilfe sowie Überweisungen fremdländischer Arbeitnehmer in ihr Heimatland, denen keine direkte Leistung gegenübersteht.


(c) by Christian Bauer
Prof. Dr. Christian Bauer
Lehrstuhl für monetäre Ökonomik
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