21.3 Die IS-Kurve in der offenen Volkswirtschaft: reale Abwertung und Handelsbilanz

Wenn die Handelsbeziehungen mit dem Rest der Welt ignoriert werden, braucht man nicht zwischen der inländischen Güternachfrage und der Nachfrage nach inländischen Gütern unterscheiden. Will man jedoch eine offene Volkswirtschaft analysieren, so muss man diese unterscheiden.
Für die inländische Nachfrage, d.h. diejenigen Güter und Dienstleistungen, die von Inländern (oder im Inland) nachgefragt werden, gilt wie bisher Y = C + I + G. Die Kurve der inlandischen Nachfrage bezeichnen wir mit DD-Kurve.
Die inländische Produktion, Wirtschaftswachstum, Rezession und Aufschwünge beziehen sich jedoch auf die Nachfrage nach inländischen Gütern, also einschließlich der Handelsbeziehungen zum Ausland. Damit muss die inländische Nachfrage um die Ex- und Importe korrigiert werden, also den Teil der inländischen Nachfrage, der auf ausländische Güter entfällt, und den Teil der Nachfrage nach inländischen Gütern, der aus dem Ausland kommt. Die Kurve der Nachfrage nach inländischen Gütern bezeichnen wir mit ZZ-Kurve. Die Gleichung lautet Y = C + I + G + X - Imμ. Die Differenz zwischen Ex- und Importen wird als Handelsbilanz(-überschuss oder -defizit) bezeichnet.
Die Importe werden hier mit ihrem Wert angegeben, um nicht Äpfel (oder Mercedes) (Inland) mit Birnen (oder Hundai) (Ausland) zu vergleichen. Dazu werden die Importe mit dem realen Wechselkurs μ umgerechnet. Die ZZ-Kurve verläuft flacher als die DD-Kurve, da ein Teil der inländischen Nachfrage auf ausländische Güter - die Importe - entfällt.
Die folgenden makroökonomischen Größen beeinflussen das System und sind als Regler in der Graphik abgebildet: die Staatsausgaben G, das ausländische Einkommen Y* und der reale Wechselkurs μ. Insgesamt schreibt sich die IS-Kurve der offenen Volkswirtschaft

Y = C(Y - T) + I(Y,r) + G + X(Y *,μ) - Im(μ)μ.


Einkommen, Steuern, Zinssatz wirkenauf die inländische Nachfrage wie in den Vorkapiteln beschrieben. Darüber hinaus bewirkt ein Anstieg des Einkommens einen Anstieg der Importe. Eine Änderung (Fallen = reale Abwertung) des realen Wechselkurses hat drei Effekte: (1) Anstieg der Exporte, (2) Sinken der Importe und (3) Anstieg des relativen Preises der ausländischen Güter in Einheiten inländischer Güter 1/μ. Damit sich die Handelsbilanz als Reaktion auf eine Abwertung verbessert, müssen die Effekte 1 und 2 (Anstieg der Exporte und Sinken der Importe) stärker wirken als der dritte (relativer Wertverfall der inländischen Güter). Dies ist erfällt, wenn die Marshall-Lerner-Bedingung gilt. Wir nehmen dies, da es der Regelfall ist, an. Die Handelsbilanz reagiert positiv auf eine reale Abwertung.
Vergleicht man ZZ-Kurve und DD-Kurve in einem Y -Nachfrage-Diagramm, so fallen zwei Punkte auf. Es gibt einen Schnittpunkt der beiden Kurven und für niedrige Y liegt die ZZ-Kurve über der DD-Kurve, für hohe Y darunter. Die Differenz zwischen ZZ-Kurve und DD-Kurve stellt die Nettoexporte (NX) oder den Handelsbilanzüberschuss, also Exporte-Importe/μ dar. Im Schnittpunkt entspricht der Wert der inländischen Nachfrage der Nachfrage nach inländischen Gütern. Es wird also so viel importiert wie exportiert. Die Handelsbilanz ist im Gleichgewicht. Steigt das heimische BIP, so steigt die Nachfrage nach inlänischen Gütern unterproportional, da ein Teil der Nachfrage auf das Ausland entfällt, und die Handelsbilanz wird negativ. Sinkt das heimische BIP, so wächst c.p. die Handelsbilanz.
Die Volkswirtschaft ist im Gleichgewicht, wenn die Produktion Y der Nachfrage entspricht, also die obige Gleichung

Y = C(Y - T) + I(Y,r) + G + X(Y *,μ) - Im(μ)μ

erfüllt ist.
In der oben stehenden Graphik ist die Produktion als Winkelhalbierende Y =Y angegeben, die Nachfrage als ZZ-Kurve und das volkswirtschaftliche Gleichgewicht als Schnittpunkt GG0. In der Ausgangslage ist die Handelsbilanz ausgeglichen. Mit Hilfe des Schiebereglers kann eine Änderung des realen Wechselkurses simuliert werden. Man sieht den Anstieg der Auslandsnachfrage (blau) im Falle einer realen Abwertung. Diese ist, wie oben beschrieben immer höher als der Anstieg der Nettoexporte (schwarz) im neuen Gleichgewicht. Im Falle einer Aufwertung natürlich umgekehrt.


(c) by Christian Bauer
Prof. Dr. Christian Bauer
Lehrstuhl für monetäre Ökonomik
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