20.2 Fiskalpolitik, Geldpolitik und die Rolle von Erwartungen und Backloading

Fiskalpolitik
Wie schon eingehender beschrieben wurde, führt bei gegebenen Erwartungen über die Zukunft eine Änderung des heutigen Zinssatzes nur zu einer kleinen Änderung der privaten Nachfrage. Der Multiplikator ist klein. Der aktuelle Realzins r ist in der Grafik an der vertikalen, das aktuelle Einkommen Y0 an der horizontalen Achse abgetragen. Das Gleichgewicht liegt im Schnittpunkt GG0 der IS- und LM-Kurve. Nach der Betrachtung der steileren IS-Kurve mit Erwartungen und der durch eine Änderung der Realzinsen hervorgerufene Bewegung auf der Kurve, Analysieren wir nun Verschiebungen der IS-Kurve durch Änderungen anderer Variablen.
Eine Erhöhung der aktuellen Staatsausgaben G hat beispielsweise zur Folge, dass sich die IS-Kurve nach rechts verschiebt. Hier laufen die gleichen Prozesse ab, wie auch bei der IS-Kurve ohne Erwartungen - die Güternachfrage und das Einkommen steigen.
Steigt das erwartete zukünftige Einkommens Y , verschiebt sich die IS-Kurve ebenfalls nach rechts, da die Konsumenten sich schon zum aktuellen Zeitpunkt reicher fühlen und mehr konsumieren möchten.
Eine Erhöhung der Steuern T, der erwarteten zukünftigen Steuern Te oder der erwarteten zukünftigen Realzinsen re verschieben dagegen die IS-Kurve nach links, da die Konsumenten in diesem Fall ihre aktuelle Nachfrage einschränken.
An dieser Stelle muss man sich, wie auch bei der Betrachtung der Verschiebung der IS-Kurve ohne Erwartungen, die Frage stellen, welche Auswirkungen der Steuer- und Staatsausgabeneffekt zusammen haben. Erhöht der Staat beispielsweise die Steuern T und gleichzeitig auch seine Staatsausgeben G, so wirken diese beiden Effekt zusammen und werden aufsummiert. Mit der Steuererhöhung wird sozusagen die Staatsausgabenerhöhung finanziert. Sind die beiden Effekte nahezu gleich groß,so gleicht sich die IS- Kurve der ursprünglichen IS-Kurve an.

Werden beispielsweise die Steuern T erhöht und die Staatsausgaben G gesenkt, so haben beide Effekte einzeln betrachtet zur Folge, dass sich die IS-Kurve nach links verschiebt. Betrachtet man den Steuer- und Staatsausgabeneffekt zusammen, so verschiebt sich die IS-Kurve um die Summe beider Effekte noch weiter nach links.

Geldpolitik
Nun soll die Geldpolitik im ISLM Modell mit Erwartungen näher betrachtet werden, indem wir die Folgen einer Ausdehnung der Geldmenge durch die Zentralbank analysieren.
Zunächst soll davon ausgegangen werden, dass die expansive Geldpolitik weder die Erwartungen über zukünftige Zinsen noch die Erwartungen über die zukünftige Nachfrage verändert. Die LM-Kurve verschiebt sich nach unten. Das Gleichgewicht liegt nun im Punkt GG, dem Schnittpunkt von LM und der IS-Kurve. Folglich steigt das Einkommen nach Y und der Zinssatz sinkt nach r. Da aber die IS-Kurve einen steilen Verlauf vorweist, hat die expansive Geldpolitik nur einen geringen Effekt auf die Produktion. Solange Änderungen des aktuellen Zinssatzes die Erwartungen über die Zukunft nicht berühren, haben sie nur geringe Wirkungen auf die Nachfrage und die Produktion.
Nun muss man sich allerdings die Frage stellen, ob es vernünftig ist, die Annahme zu treffen, dass die Erwartungen von der expansiven Geldpolitik unberührt bleiben. Es könnte viel plausibler sein, dass bei einer heutigen Zinssenkung vermutet wird, dass auch in der Zukunft die Zinsen auf dem niedrigeren Niveau bleiben. Dann werden die Finanzmärkte erwarten, dass die zukünftige Nachfrage wegen der in der Zukunft niedrigen Zinsen angeregt wird. Wenn dies so eintrifft, wird, bei einem gegebenen Zinssatz heute, die Aussicht auf niedrige Zinsen und hohe Nachfrage in der Zukunft auch heute schon die Nachfrage und die Produktion stimulieren. Folglich verschiebt sich die IS-Kurve nach rechts und ein neues Gleichgewicht stellt sich ein.
Die Wirkung der Geldpolitik hängt also entscheidend davon ab, wie sie die Erwartungen beeinflusst. Falls eine expansive Geldpolitik die Finanzmärkte, Konsumenten und Unternehmen dazu veranlasst, auch die Erwartungen über zukünftige Zinssätze und Produktion miteinzubeziehen, können die Auswirkungen einer expansiven Geldpolitik sehr großsein und die Produktion und das Einkommen weiten sich aus.
Werden die Erwartungen über die Zukunft von der expansiven Geldpolitik nicht berührt, wird sie nur einen geringeren Effekt aufweisen und die Produktion und das Einkommen erhöhen sich nur geringfügig. Die Auswirkungen der Geldpolitik hängen also fundamental von ihrem Einfluss auf die Erwartungen ab.
Wenn sich die Erwartungen verändern, sind die Auswirkungen der Geldpolitik großWenn sich die Erwartungen allerdings nicht ändern, sind die Effekte der Geldpolitik klein.
Erwartungsbildung beruht dabei nicht auf Willkürlichkeit, sonder die Erwartungen werden vorausschauend gebildet.

Backloading: Abbau des Budgetdefizits bei rationalen Erwartungen
Wie wir oben gesehen haben, führt eine restriktive Fiskalpolitik, z.B. Sparen oder Steuererhöhungen zum Abbau des Staatsdefizits, kurzfristig zu einem Produktionsrückgang. Mittelfristig hat der Abbau des Budgetdefizits keine Auswirkungen auf die Produktion, senkt aber die Zinsen und induziert damit private Investitionen. Langfristig erhöht dieses höhere Investitionsniveau den Kapitalstock und ermöglicht damit ein höheres Produktionsniveau.
Im ISLM-Modell mit Erwartungen kann ein Abbau des Budgetdefizits aber auch kurzfristig zu einem Anstieg von privaten Ausgaben und Produktion führen, wenn die Wirtschaftssubjekte die zukünftigen Vorteile des Defizitabbaus bereits heute berücksichtigen. Der Effekt einer angekündigten Defizitreduktion umfasst einen Abfall der gegenwärtigen Ausgaben - die IS-Kurve verschiebt sich nach links - und den Anstieg der erwarteten zukünftigen Produktion bei fallenden Zinssätzen fallen - die IS-Kurve verschiebt sich nach rechts.
Je kleiner die aktuellen Kürzungen der Staatsausgaben heute und je stärker die Kürzungen später, desto stärker ist der positive Nachfrageeffekt - dieses Konzept wird backloading bezeichnet. Backloading kann allerdings zu einem Glaubwürdigkeitsproblem des Konsolidierungsprogramms führen, da die größten Einschnitte auf die Zukunft verlagert werden.
Fassen wir zusammen: Ein glaubwürdiges Programm zum Abbau des Budgetdefizits kann selbst kurzfristig die Wirtschaft stimulieren. Folgende Faktoren sind dafür entscheidend:

  1. Glaubwürdigkeit des Programms,
  2. Zeitpfad des Programms,
  3. Zusammensetzung des Programms und
  4. Zustand der Staatsfinanzen.


(c) by Christian Bauer
Prof. Dr. Christian Bauer
Lehrstuhl für monetäre Ökonomik
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