20.1 Die IS-Kurve mit Erwartungen


Im folgenden soll das Modell um die zeitliche Dimension erweitert werden. Dabei soll zur Vereinfachung die Annahme getroffen werden, dass es nur zwei Perioden gibt. Zum einen die laufende Periode, die das aktuelle Jahr darstellt, zum anderen die Zukunft. Die IS-Kurve für die laufende Periode wird so modifiziert, dass bei Konsum und Investitionen auch die Erwartungen über die zukünftige Entwicklung einfließen. Konsum- und Investitionsentscheidungen C (Y-T) + I (Y, r) werden zu einer gesamten privaten Nachfrage A(Y, T, r) zusammengefasst. Nun kann die IS-Kurve folgendermaßen geschrieben werden: Y = A(Y, T, r) + G. Man beachte, dass wir hier anstelle des nominalen Zinses r den realen Zins r verwenden.
Jetzt erst wird die Gleichung der IS-Kurve um Erwartungen erweitert, indem die Abhängigkeit der privaten Nachfrage von den zukünftig erwarteten Werten eingefügt wird. Y = A (Y, T, r, Y’<sup>e</sup>, T’<sup>e</sup>, r’<sup>e</sup>) + G beschreibt das Gleichgewicht auf dem Gütermarkt und somit die IS-Kurve um Erwartungen erweitert. Der Strich bezeichnet zukünftige Werte, das hochgestellte e bedeutet "erwartet".
Die Auswirkungen einer Steuererhöhung oder Senkung der Staatsausgaben sind hier dieselben wie bei der IS-Kurve ohne Erwartungen. Die private Nachfrage A steigt mit dem Einkommen Y, denn sowohl Konsum als auch Investitionen steigen mit dieser Variablen. Die private Nachfrage geht mit steigenden Steuern zurück, weil dann die Konsumnachfrage sinkt und zuletzt sinkt die private Nachfrage bei steigendem Realzins r, da die Investitionen in diesem Fall zurückgehen.
Steigt das aktuelle oder das erwartete Einkommen, so steigt die private Nachfrage A.
Steigen die aktuellen oder erwarteten Steuern oder der aktuelle oder erwartete Realzins r, so sinkt A.
Für die neu abgeleitete IS-Kurve gelten nun folgende Gegebenheiten: Die IS-Kurve mit Erwartungen verläuft wesentlich steiler als die IS-Kurve ohne Erwartungen, die in der Grafik hellrosa angedeutet ist, d.h. bei gegebenen Erwartungen führt eine Verringerung der Realzinsen nur zu einem kleinen Anstieg der Produktion. Im Modell ohne Erwartungen bedeutet eine Zinsänderung die Änderung der gesamten Zinskurve, d.h. eine Verschiebung des aktuellen und des zukünftigen Zinses. Dies hat naturgemäß größere Auswirkungen als die Änderung nur des aktuellen Zinses - wie es ja im Modell mit Erwartungen der Fall ist. In der hier gezeigten Graphik wird der Zusammenhang verdeutlicht. Bei Veränderung des Schiebereglers wird sowohl der aktuelle Realzins r wie auch der zukünftige erwartete Realzins r’<sup>e</sup> also die gesamte Zinskurve geändert. Somit sollte derselbe Effekt erzielt werden wie bei der IS-Kurve ohne Erwartungen. Die Änderung des aktuellen Zinses zeigt sich durch die Verschiebung des Zinsmarkers auf der y-Achse. Die Änderung des erwarteten zukünftigen Zinses bewirkt eine Verschiebung der IS-Kurve. Die Änderung des Gleichgewichtspunktes zu den unterschiedlichen Zinsniveaus hinterlässt eine Spur, welche genau einer IS-Kurve ohne Erwartungen entspricht.
Generell haben Änderungen der aktuellen Größen nur relativ geringe Folgen, wenn sie die Erwartungen nicht ändern können.
Der Rückgang der Realzinsen bringt zwei Folgen mit sich: Zum einen wird sich ein Rückgang des aktuellen Realzinses nicht stark auf die Nachfrage auswirken, wenn die Erwartungen bezüglich des zukünftigen Realzinses unverändert bleiben, weil sich die Gegenwartswerte des Realzinses kaum verändern. Unternehmen werden ihre Investitionspläne nicht sofort revidieren, wenn der Realzins im aktuellen Jahr zurückgeht. Sie können nicht damit rechnen, dass der Realzins auch in Zukunft so niedrig bleibt. Zum anderen ist vermutlich auch der Multiplikatoreffekt klein, denn seine Höhe hängt davon ab, wie stark eine Änderung des aktuellen Einkommens die Nachfrage beeinflusst. ändert sich nur das aktuelle Einkommen, die Erwartungen über das zukünftige Einkommen bleiben jedoch konstant, so kann der Nachfrageeffekt nicht besonders großsein. Temporäre Änderungen des Einkommens beeinflussen Konsum- und Investitionsnachfrage nur wenig.
Rechnen Konsumenten zum Beispiel damit, dass sich ihr Einkommen nur im aktuellen Jahr erhöht, werden sie ihren Konsum nur unterproportional zum Einkommensanstieg erhöhen. Befürchten Unternehmen, dass sich ihre Verkaufszahlen nur im aktuellen Jahr erhöhen, werden sie kaum ihre Investitionspläne revidieren. Ein starker Rückgang des Realzinses hat also nur einen kleinen Anstieg des Einkommens zur Folge.


(c) by Christian Bauer
Prof. Dr. Christian Bauer
Lehrstuhl für monetäre Ökonomik
Universität Trier
D-54296 Trier
Tel.: +49 (0)651/201-2743
E-mail: Bauer@uni-trier.de
URL: http://www.cbauer.de