Kapitel 27
Kalte Progression: Einführung

In Deutschland ist es ein allgemeiner Konsens, dass Solidarität eines der Grundprinzipien der gesellschaftlichen Ordnung darstellt. Im Rahmen des Steuerrechts heisst das, dass breite Schultern mehr tragen können. Der deutsche Einkommensteuertarif ist progressiv, d.h. der Grenzsteuersatz nimmt mit wachsendem Einkommen zu. Je höher das Einkommen ist, desto höher ist auch der durchschnittliche Steuersatz.

Diese Ausgestaltung hat auch Implikationen bei wachsenden Einkommen. Wächst das individuelle Einkommen, so ist die Leistungsfähigkeit des Einzelnen höher und er kann (über einen höheren Steuersatz) auch mehr zur gesellschaftlichen Lastenteilung beitragen - so die Idee. Problematisch ist dies allerdings, wenn das Einkommen nominal, d.h. vom Eurobetrag her, wächst, die Lohnerhöhung aber von steigenden Preisen aufgefressen wird. Dann steigt die Steuerbelastung, obwohl das Realeinkommen1 nicht angestiegen ist. Diesen Effekt nennt man kalte Progression. In der Realität wachsen die durchschnittlichen Einkommen meist stärker als die Inflationsrate, so dass die steigende Steuerlast teilweise auf tatsächliche (also reale) Einkommenssteigereungen und teilweise auf die kalte Progression zurückzuführen ist. Daneben sind noch Änderungen des Steuertarifs zu berücksichtigen.

Die folgenden Seiten sollen in diese Thematik einführen und sie anschaulich und leicht verständlich darstellen. Die interaktiven Graphiken dienen dabei als zentrales Hilfsmittel. Wir wollen dabei insbesondere die folgenden drei Fragen klären:

1) Die Sache: Was ist die kalte Progression und warum sollte uns das interessieren?

2) Die Summe: Um wie viel geht es? Wer gewinnt und wer verliert?

3) Die Alternative: Wie sähe ein Steuertarif aus, bei dem die kalte Progression kompensiert würde.

Die unten stehende Graphik zeigt die Inflationsrate an. (Quelle: Statistisches Bundesamt) Die Inflationsrate πt ist die jährliche prozentuale Änderung des Preisniveaus, d.h.

πt = Pt - Pt-1 Pt-1 × 100 (27.1)

Die zweite Graphik zeigt das gemessene durchschnittliche Arbeitseinkommen in Deutschland (blau) und wie sich das Duchschnittseinkommen entwickelt hätte, wenn es seit 1960 nur mit der Inflationsrate gewachsen wäre (rot). Die rote linie entspricht also dem Wachstum des Preisniveaus. Man sieht, dass die Durchschnittseinkommen deutlich schneller gewachsen sind als die Preise. Mithin ist der Einkommensanstieg teilweise auf Inflation und teilweise auf Produktivitätsgewinne zurückzuführen.2

Die Steuertarife werden ständig angepasst. In der nächsten Graphik können alle Einkommenssteuertarife seit 1958 angezeigt werden. Dabei werden der Grenzsteuersatz und der Durchschnittssteuersatz graphisch wiedergegeben. Der Solidaritätszuschlag ist mit berücksichtigt, Kirchensteuer ebenso wie die Kapitalertragssteuer nicht. Mit dem Schieberegler (rotes Kreuz) kann für ein ausgewähltes Einkommen auch die tatsächliche Steuerbelastung angegeben werden. Es wird offensichtlich, dass sich der Steuersatz häufig und deutlich verändert. Insbesondere stieg der Grundfreibetrag beim Steuertarif 1996 von 2871 Euro auf 6184 Euro an, was eine sehr deutliche Entlastung vor allem der unteren Einkommen bewirkte, während die Senkung des Spitzensteuersatzes von ehemals 53% auf 42% die sehr hohen Einkommen entlastete.

Wir verdeutlichen das an zwei Zahlenbeispielen. Das durchschnittliche Bruttoeinkommen je Person betrug 1960 umgerechnet 3156 Euro. Bei diesem Einkommen musste 460 Euro oder 14,6% Einkommenssteuer gezahlt werden. Wäre das Realeinkommen gleich geblieben, d.h. das Nominaleinkommen immer mit der Inflationsrate gestiegen, so wäre 30 Jahre später ein Haushaltsbruttoeinkommen von 8307 Euro vorhanden und die Steuerlast läge bei 1044 Euro oder 12,6%. Bis 2015 sank die Steuerlast bei konstantem Realeinkommen (13689 Euro: Dies entspricht nur noch 70% des Medianeinkommens, gehört also zur Einkommensschwachen Mitte.) dann sogar auf 1000 Euro oder 7,3%.

Rechnet man das beispiel mit einem Haushalt der gehobenen Mittelschicht (250% des Medianeinkommens), so ergeben sich 2015 ein Einkommen von 54000 Euro und eine Steuerbelastung von 19210 Euro, also 35,6%. Beim selben Realeinkommen hätte die Steuerlast 25 Jahre vorher bei 19,9% gelegen (real äquivalentes Bruttoeinkommen 32770 Euro und Steuer von 6506 Euro) und 1960 bei 26,7% (real äquivalentes Bruttoeinkommen 12450 Euro und Steuer von 3319 Euro). Obwohl der Haushalt sich von seinem Bruttogehalt nicht mehr leisten konnte, stieg die zu zahlende Einkommensteuer seit 1990 deutlich an.

Wählen Sie den Steuertarif des Jahres:



1Das Realeinkommen ist das nominelle Einkommen dividiert durch das Preisniveau.

2Man könnte auch darüber diskutieren, ob die steuerliche Belastung nach einer Verteilung der relativen Einkommen erfolgen sollte, indem man den Anteil der von den jeweiligen Dezentilen zu tragenden Steuerlast festlegt. Der Steuertarif würde sich dann nach dem mittleren Einkommen und nicht nach dem Realeinkommen ausrichten.


(c) by Christian Bauer
Prof. Dr. Christian Bauer
Lehrstuhl für monetäre Ökonomik
Universität Trier
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