Kapitel 24
Gesamtwirtschaftliches Angebot GA (Aggregate Supply: AS)

Bei der gesamtwirtschaftlichen Angebotskurve unterscheidet man zwischen einer lang- und einer kurzfristigen Sichtweise. Beide Kurven geben die Menge an Waren und Dienstleistungen an, welche Unternehmungen bei einem bestimmten Preisniveau produzieren und verkaufen.

Die langfristige aggregierte Angebotskurve stellt das langfristige Vollerwerbsgleichgewicht (Steady state) dar. Der Output ist nicht vom Preisniveau abhängig, d.h. die Kurve verläuft vertikal. Die Outputmenge wird durch die Produktionstechnologie, Arbeit und Kapital in der Volkswirtschaft bestimmt und auch als natürliches Niveau des Outputs Y N bezeichnet. Auf kurze Sicht kann das aggregierte Angebot vom Vollbeschäftigungsgleichgewicht abweichen und reagiert dann preissensitiv. Die Steigung der Kurve ist positiv, d. h. das Gesamtangebot vergrößert sich, wenn das Preisniveau zunimmt. Umgekehrt geht bei sinkenden Preisen das Angebot an Waren und Dienstleistungen zurück. Die Elastizität des Angebots stellt die Preissensitivität dar, d.h. je steiler die Kurve desto schwächer die Mengenreaktion auf eine gegebene Preisänderung.

Die positive Steigung der Angebotskurve wird meist (vgl. z.B. Mankiv, Grundzüge der Volkswirtschaftslehre) durch einen der folgenden Ansätz erklärt: (1) Modell der unvollkommenen Informationen, (2) Lohnstarrheit, (3) Nominallohnillusion oder (4) Preisstarrheiten. Die Ansätze beschreiben unterschiedliche Marktunvollkommenheiten, um Abweichungen der Angebotsmenge vom natürlichen Produktionsniveau zu erklären. Eine Kurzerläuterung der Ideen finden Sie unten auf der Seite.

In modernen Lehrbüchern wir ein neukeynsianischer Ansatz mit Hilfe der Preissetzung bei monopolisitscher Konkurrenz bevorzugt (vgl. z.B. Blanchard/Illing, Makroökonomie). Die Lohnsetzung W erfolgt dabei auf Basis des erwarteten Preisniveaus und einer Funktion von Arbeitslosikeit u und den Arbeitsmarktinstitutionen bzw. sonstiger Einflüsse z.

W = PeF(u,z)

Bei positiven Inflationserwartungen steigt der Nominallohn, um dem antizipierten Rückgang des Reallohns entgegen zu wirken. Es wird keine Geldillusion, d.h. das Gefühl nominal mehr Geld zu haben impliziere auch real mehr dafür kaufen zu können, unterstellt. Die Produktionstechnologie wird vereinfachend als linear und nur durch die Arbeitsmenge bestimmt dargestellt, Y = N, mit N als Anzahl der aktiv Beschäftigten, so dass die Produktionskosten dem Lohn entsprechen. (Fussnote: Kapitalkosten, technischer Fortschritt, unterschiedliche Arbeitstypen als bekannteste Generalisierungen würden dieses Modell nur unnötig überfrachten.)

Das Verhalten des Arbeitsangebots (Arbeitnehmer) hängt von der Arbeitslosenquote

u = 1 -Y t N

ab: Je höher die Arbeitslosigkeit, desto geringer die Nominallohnforderungen der Insider (et vice versa). Die Arbeitsnehmer glauben, durch Lohnzurückhaltung einer drohenden Arbeitslosigkeit entgehen zu können (et vice versa). Die Sammelvariable fasst Dinge wie Sozialhilfe, Mindestlohn, Kündigungsschutz, etc. zusammen. Diese Größen beeinflussen die Angst vor Arbeitslosigkeit. Steigt beispielsweise der Reservationslohn aufgrund höherer Sozialhilfe, steigt bei gegebener Arbeitslosenquote die Nominallohnforderung. Die Preissetzung: erfolgt durch einen konstanten Gewinnaufschlag (markup) μ auf die Produktionskosten.

P = (1 + μ)W

Kombiniert man diese Gleichungen, so erhält man die aggregierte Angebotskurve:

Pt = Pte(1 + μ)F(1 -Y t N ,z)

Dabei stellt der Index t die Zeitperiode dar. Das sich einstellende Preisniveau hängt positiv vom erwarteten Preisniveau und der Produktion (reales Sozialprodukt) ab.

Verschiebung der AS-Kurve
Angebotspolitik und Angebotsschocks können die kurzfristige AS-Kurve verschieben. Beispiele sind veränderte Preisniveauerwartungen, Ölpreisschock, Deregulierung und Wettbewerbsintensivierung oder strukturelle Reformen (z.B. Einführung von Harz 4). Die unten stehende Graphik mit den entsprechenden Reglern stellt die Reaktionen dar. Mit Hilfe der Kreuze kann die Steigung der Kurven verändert werden, um darzustellen, wie sich die quantitativen Effekte ändern.

Die langfristige AS-Kurve, d.h. die natürliche Produktionsmenge ändert sich nur durch die Änderung an Real- oder Humankapital (Menge, Ausbildung), technischen Fortschritt oder die Änderung der natürlichen Ressourcen (Neuerschließung oder Erschöpfung). Diese exogene Veränderung ist in der Graphik nicht enthalten. Der Ausgangspunkt ist immer das langfristige Gleichgewicht.

Modell unvollkommener Informationen
Die Grundannahmen des Modells sind Markträumung bei flexiblen Preisen und Löhnen. Kurze und lange Frist unterscheiden sich durch unterschiedliche Einschätzungen (Fehlbeurteilungen) bezüglich der relativen Preise. Produzenten kennen die Preisentwicklung ihres Gutes genau, die Entwicklung des allgemeinen Preisniveaus jedoch nur ungenau. Wenn das Preisniveau steigt, nimmt er dies vor allem anhand des Preises seines produzierten Gutes wahr und folgert, dass der relative Preis seines Gutes gestiegen ist, da er wegen mangelnder Information die Preisentwicklung anderer Güter nur schätzen kann. Der (wahrgenommene) Anstieg des relativen Preises seines Gutes begründet eine Ausweitung der Produktion. Da dies für allen Produzenten gilt, reagiert auch das aggregierte Angebot positiv auf Preisniveauanstiege.

Modell der Lohnstarrheit
Starre bzw. träge Nominallöhne können aufgrund von Tarifverträgen, sozialen Normen, Anpassungskosten, Lags in den Betriebsabläufen usw. entstehen. Bei starren Nominallöhnen W führt ein Anstieg des Preisniveaus P zu sinkenden Reallöhnen W P und in der Folge zu steigender Beschäftigung und höherem Güterangebot Y S. Tatsächlich spielt bei Lohnverhandlungen zumeist das erwartete Preisniveau eine entscheidende Rolle. Liegt das Preisniveau später über dem erwarteten Niveau, so ist der Reallohn niedriger als erwartet und die Beschäftigung wird wie oben beschrieben ausgeweitet. Eine (nicht erwartete) Preisniveauerhöhung führt zu einem höheren Output und die Angebotskurve hat eine positive Steigung.

Modell der Nominallohnillusion
Die Grundannahme des Modells ist, dass Arbeitnehmer kurzfristig nicht in der Lage sind, zwischen Nominal- und Reallohn zu differenzieren. Sie geben sich der Illusion hin, bei einer Nominallohnsteigerung handele es sich um eine Erhöhung des Reallohns. Ähnlich wie im Modell der starren Löhne, führt ein Anstieg des Preisniveaus zu einer Senkung des Reallohns und damit zu mehr Beschäftigung und höherem aggregierten Angebot. Ein Anheben des Nominallohnes um die Inflation auszugleichen ist aufgrund der Nominallohnillusion nicht nötig.

In dieser Schärfe ist dieses Muster in der Realität nicht zu beobachten. Allerdings kann bei einer Vermischung verschiedener Effekte, wie steigende Produktivität und Inflation, durchaus in einigen Fällen ein Unterschätzen konstatiert werden. So gingen beispielsweise in Deutschland die Reallöhne zwischen 2003 und 2009 um ca 3,6Problematisch an den Modellen der Lohnstarrheit und Nominallohnillusion ist, dass sie ein antizyklisches Verhalten von Reallohn und Produktion vorhersagen, empirisch jedoch höchstens eine schwach prozyklische Beziehung nachgewiesen werden kann.

Preisstarrheiten-Modell
Diese neukeynesianische Theorie starrer (träger) Preise basiert auf der Annahme, dass Preise nicht sofort an Nachfrageänderungen angepasst werden. Gründe können beispielsweise langfristige Lieferverträge, Kundenverärgerung bei häufigen Preisänderungen, hohe Menükosten (Kosten der Preisänderung wie z. B. der Druck und Versand neuer Kataloge oder Preislisten) oder Unsicherheit über die Nachhaltigkeit der Nachfrageänderung sein. Die Trägheit der Preise wird im Modell dadurch dargestellt, dass in jeder Periode nur ein Teil der Unternehmen seine Preise anpassen kann. Steigt das Preisniveau an, so werden Produkte der Unternehmen vermehrt nachgefragt, die die Preise noch nicht angepasst haben, da diese dann relativ billiger sind. Die erhöhte Nachfrage führt dann zu einer höheren Produktion und steigert das aggregierte Angebot.


(c) by Christian Bauer
Prof. Dr. Christian Bauer
Lehrstuhl für monetäre Ökonomik
Universität Trier
D-54296 Trier
Tel.: +49 (0)651/201-2743
E-mail: Bauer@uni-trier.de
URL: http://www.cbauer.de